Warum viele Menschen später keine Bilder von sich mögen – und warum der Ursprung oft in der Kindheit liegt
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„Ich bin nicht fotogen“
In meiner Zeit als Hochzeitsfotograf habe ich viele Menschen fotografiert. Immer wieder hörte ich dabei denselben Satz:
„Ich bin nicht fotogen.“
Oft folgte gleich noch ein zweiter:
„Mach lieber kein Foto von mir.“
Ich habe dann versucht zu erklären, dass ich das anders sehe. Aus meiner Sicht ist jeder Mensch fotogen – vorausgesetzt, es gelingt, seine Persönlichkeit in einem Bild sichtbar zu machen. Doch so sehr ich auch argumentierte, ich konnte kaum jemanden davon überzeugen. Viele Menschen waren fest davon überzeugt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Lange Zeit habe ich mich gefragt, woher diese Überzeugung eigentlich kommt.
Ein Erlebnis mit meiner Tochter
Ich erinnere mich noch gut an einen Tag, als meine Tochter in der ersten Klasse aus der Schule kam.
Ich saß gerade am Wohnzimmertisch und trank gemütlich meinen Kaffee, als sie sich neben mich setzte – so wie sie es oft nach der Schule tat.
„Papa, heute war der Fotograf in der Schule“, sagte sie.
Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits selbst fotografierte, wurde ich sofort aufmerksam. Ihre Stimme klang aufgeregt, fast ein wenig verärgert. Also fragte ich sie, wie es gelaufen sei.
Sie erzählte von Gruppenbildern und Einzelportraits. Dann sagte sie plötzlich:
„Der Fotograf war nett. Aber er hat etwas gemacht, was ich gar nicht mag.“
Meine Aufmerksamkeit war nun vollkommen da.
„Was hat er denn gemacht?“, fragte ich.
Sie antwortete:
„Papa, ich sollte lächeln und meine Zähne zeigen. Du weißt doch, dass ich das nicht mag. Aber er hat es immer wieder gesagt.“
Ich fragte sie schließlich:
„Und hast du es gemacht?“
Sie sah mich an und sagte leise:
„Ja.“
In diesem Moment fühlte ich mich ziemlich niedergeschlagen. Bei mir musste sie nie ihre Zähne zeigen. Sie durfte einfach so sein, wie sie war.
Der Moment, der meine Sicht verändert hat
Zu dieser Zeit fotografierte ich bereits selbst Kinder in Kindertagesstätten. Nach diesem Gespräch stellte ich mir eine Frage, die mich bis heute begleitet:
Warum machen Fotografen so etwas?
Warum glauben wir, dass Eltern nur dann glücklich sind, wenn Kinder auf Fotos perfekt lächeln?
Vielleicht stimmt das sogar in vielen Fällen. Aber ich begann mich zu fragen, ob wir dabei nicht etwas Entscheidendes übersehen.
Genau aus diesem Gedanken heraus begann ich, Kinder anders zu fotografieren. Mein Ziel war es, sie so zu zeigen, wie sie wirklich sind.
Das gefiel nicht allen Eltern. Manche erwarteten genau dieses perfekte Lächeln.
Wenn Kinder lernen, für Fotos zu funktionieren
Im Laufe der Zeit fotografierte ich immer wieder Kinder, die offensichtlich darauf trainiert waren, vor der Kamera zu „funktionieren“. Sobald ich das Objektiv auf sie richtete, erschien ein breites, unnatürliches Lächeln.
Es wirkte fast wie ein Reflex.
Jedes Mal lief es mir dabei ein wenig kalt den Rücken hinunter. Denn dieses Lächeln hatte oft nichts mit dem echten Kind zu tun.
Manchmal ließ ich es einfach zu, weil ich wusste, dass sich Eltern sonst beschweren würden. Schließlich hatten sie ihren Kindern beigebracht, genau so zu lächeln.
Doch innerlich stellte ich mir immer wieder dieselbe Frage:
Warum machen wir das eigentlich?
Warum bringen wir Kinder dazu, eine Version von sich zu zeigen, die gar nicht ihrer Persönlichkeit entspricht?
Was Kinder dabei unbewusst lernen
Für viele Kinder ist ein Fotoshooting kein entspannter Moment. Oft ist es eher ein kleiner Stressmoment.
Und dabei lernen sie unbewusst etwas über Bilder:
Bilder entstehen unter Druck.
Bilder zeigen nicht unbedingt das echte Ich.
Bilder sind etwas, bei dem man bewertet wird.
Diese Erfahrungen prägen mehr, als wir vielleicht denken.
Bilder formen das Selbstbild
Kinder nehmen Bilder sehr ernst. Sie formen ihr Selbstbild.
Wenn ein Kind immer wieder hört:
„Du guckst immer so komisch.“
oder
„Oh Gott, wie siehst du denn da aus.“
dann entsteht schnell eine innere Überzeugung:
Mit mir stimmt etwas nicht.
Diese Überzeugung kann sich über viele Jahre festsetzen und bis ins Erwachsenenalter begleiten.
Wenn Erwachsene keine Fotos mehr von sich mögen
Bei meinen Shootings habe ich das immer wieder erlebt. Erwachsene sagen dann Dinge wie:
„Ich bin nicht fotogen.“
„Ich hasse Fotos von mir.“
„Mach lieber Bilder von den Kindern.“
Doch meistens steckt etwas anderes dahinter.
Viele Menschen haben einfach noch nie erlebt, wie es sich anfühlt, ein Bild von sich zu sehen, in dem sie sich wirklich wiedererkennen.
Die Kraft eines guten Bildes
Ein Bild kann nämlich auch genau das Gegenteil auslösen.
Es kann Stolz auslösen.
Es kann Zugehörigkeit vermitteln.
Es kann Selbstwert stärken.
Genau deshalb halte ich gute Kinderportraits für so wichtig.
Wenn Kinder Bilder von sich sehen, die echt sind, würdevoll sind und ihre Persönlichkeit zeigen, passiert etwas Entscheidendes:
Sie erkennen sich selbst.
Und plötzlich wird Fotografie nicht mehr etwas, vor dem man sich versteckt.
Sondern etwas, das einen sichtbar macht.
Vielleicht beginnt alles viel früher
Viele Menschen glauben später, sie seien „nicht fotogen“.
Doch in Wirklichkeit haben sie oft einfach nie ein Bild gesehen, das ihnen gezeigt hat, wer sie wirklich sind.
Erstaunlicherweise erzählen mir Erwachsene immer wieder, dass sie ihre Kinderbilder nicht mögen, obwohl diese scheinbar perfekt wirken.
Der Grund ist häufig derselbe:
Sie erkennen sich darin nicht wieder.
Eine andere Perspektive auf Kinderfotografie
Genau aus diesen Erfahrungen heraus ist mein Wunsch entstanden, Kinderfotografie anders zu denken.
Vielleicht sollten wir uns bei jedem Kinderportrait eine einfache Frage stellen:
Für wen machen wir diese Fotos eigentlich?
Für die Erwartungen der Erwachsenen?
Oder für das Kind selbst?
Wollen wir uns später an ein perfekt inszeniertes Kind erinnern?
Oder an ein echtes?
Vielleicht sollten wir bei Kinderportraits einfach etwas weniger Wert darauf legen, dass Kinder ihre Zähne zeigen.
Und stattdessen darauf achten, dass ihre Persönlichkeit sichtbar wird.




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