Was Kinder fühlen, wenn sie sich jeden Tag an der Wand sehen
- Sascha John
- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Was glaubst du, sieht dein Kind,
wenn es sich selbst in Bildern sieht?
Wenn du diesen Beitrag gelesen hast, wirst du die Bilder deiner Kinder vermutlich mit anderen Augen betrachten.
Vielleicht geht es dir ähnlich wie mir.
Meine Festplatten sind voll mit Fotos meiner Töchter, meiner Neffen und Nichten. Unzählige schöne, liebevolle und gelungene Bilder. Und trotzdem habe ich lange kaum entschieden, welche davon wirklich sichtbar werden dürfen.
Ich sortiere.
Ich filtere.
Ich organisiere.
Immer wieder.
Erst als ich mich intensiver mit der Wirkung von Bildern beschäftigt habe, wurde mir ein Punkt schmerzhaft klar:
Meine Töchter waren nie Teil dieser Entscheidung.
Eine Situation, die vieles verändert hat
Vor einigen Jahren hing ein Bild meiner Tochter an unserer Wand. Es entstand bei einem der vielen kleinen Shootings, die wir früher zu Hause gemacht haben. Aus fotografischer Sicht mochte ich dieses Bild sehr.
Eines Tages sagte sie zu mir:
„Papa, das Bild musst du austauschen. Ich mag es nicht, wie ich da aussehe.“
Ich war überrascht. Mir gefiel das Bild. Also fragte ich nach.
Es waren Kleinigkeiten. Die Haare. Ein Ausdruck. Details, über die ich einfach hinwegsehen konnte. Für sie waren es genau diese Punkte, die das Bild für sie falsch machten.
Ich versprach ihr, es auszutauschen.
Ein unbequemer Gedanke
Dieser Moment ließ mich nicht mehr los. Zunächst schob ich es auf unterschiedlichen Geschmack. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, was eigentlich passiert war.
Ich hatte ihr gezeigt,
wie ich sie sehen wollte.
Nicht, wie sie sich selbst sah.
Und plötzlich erinnerte ich mich an meine Zeit als Kinderfotograf. An all die Situationen, in denen Eltern die Bilder auswählten: ordentlich, brav, angepasst. Und daran, wie sehr mich das oft innerlich gestört hatte.
Nun hatte ich selbst genau das getan.
Bilder wirken – leise, aber dauerhaft
Als das Bild aufgehängt wurde, sagte meine Tochter nichts. Welches Kind würde das auch tun? Papa hatte entschieden, also hing es dort.
Doch ein Bild an der Wand ist keine Momentaufnahme. Es ist eine tägliche Botschaft.
So sehen wir dich gern.
Kinder laufen jeden Tag an diesen Bildern vorbei. Ihr Unterbewusstsein nimmt sie auf, ohne sie zu hinterfragen. Immer wieder. Und genau darin liegt ihre Kraft.
Was aber, wenn diese Botschaft nicht mit dem inneren Bild des Kindes übereinstimmt?
Ich habe im Laufe der Jahre unzählige Kinder fotografiert und immer wieder erlebt, wie sehr sich die Bildauswahl der Eltern von der Realität der Kinder unterschied. Viele Kinder waren nicht brav, nicht ruhig, nicht angepasst.
Sie waren wild.
Laut.
Anstrengend.
Lebendig.
Es war ihre Persönlichkeit.
Ihr Selbstbild.
Ihre Identität.
Und doch erkannten sie sich in den Bildern oft nicht wieder.
Wie Kinder ihr eigenes Bild finden
Ich habe lange darüber nachgedacht, wie wir Kinder besser in diesen Prozess einbeziehen können. Eine Methode habe ich bereits in einem anderen Beitrag beschrieben. Die, die ich dir hier mitgeben möchte, ist leiser – und sehr wirkungsvoll.
Vielleicht kennst du das: Wenn jemand im Raum lacht, lachen wir oft unbewusst mit. Oder wenn du Bilder bearbeitest und plötzlich merkst, dass du selbst zu grinsen beginnst. Hier wirken unsere Spiegelneuronen.
Genau diese können wir nutzen.
Gib deinem Kind eine Auswahl an Bildern – als Abzüge oder in einem Ordner auf dem Handy. Überlasse ihm die Kontrolle. Schau nicht gemeinsam. Beobachte dein Kind.
Achte auf Mimik. Auf kleine Reaktionen. Vielleicht bleibt es bei einem Bild länger stehen. Vielleicht kehrt es noch einmal zurück.
Dein Kind wird sich selbst erkennen. Und das Bild finden, das sich richtig anfühlt.
Wenn ihr dieses Bild gefunden habt, dann mach es sichtbar.
Im Zuhause.
Für dein Kind.
Denn:
Emotion schlägt Ästhetik.
Immer.






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