Warum wir Kinder mehr vertrauen sollten
- vor 4 Stunden
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Das größte Problem bei Kinderfotos ist oft nicht die Kamera oder das Licht. Es ist die Entscheidung, wer das Bild auswählt. Meist sind wir es als Eltern – nicht die Kinder selbst.
In meinen Anfängen der Fotografie habe ich mich stark an Regeln orientiert. So macht man das, so bekommt man gute Bilder. Doch irgendwann habe ich diese Regeln immer häufiger gebrochen – manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Und plötzlich waren die Bilder anders. Nicht unbedingt perfekter, aber echter.
Schon immer hat es mich fasziniert, Kinder zu fotografieren. Ihre Leichtigkeit, ihre Ehrlichkeit, ihr Ausdruck. Gleichzeitig habe ich mich immer intensiver mit der Wirkung von Bildern beschäftigt. Und irgendwann stellte sich mir eine Frage, die alles verändert hat:
Für wen mache ich diese Kinderbilder eigentlich wirklich?
Lange hing ein Portrait meiner ältesten Tochter bei mir im Wohnzimmer. Ich war stolz darauf. Es war eines der ersten Bilder, die ich bewusst sichtbar gemacht habe. In einer Zeit, in der ich mich von der Mutter meiner Kinder getrennt hatte, hat mich dieses Bild jeden Tag begleitet. Es hat mich daran erinnert, dass meine Kinder da sind – auch wenn sie nicht täglich bei mir sind. Es hat mir Halt gegeben und meine Trennungsängste ein Stück weit aufgefangen.
Ein paar Jahre später sagte meine Tochter zu mir:
„Papa, ich mag das Bild nicht. Kannst du das austauschen?“
Dieser Moment hat etwas in mir ausgelöst. Für mich war es ein schönes Bild. Für sie offensichtlich nicht. Und plötzlich wurde mir klar:
Das Bild hat mich gestärkt.
Aber sie hat es geschwächt.
Sie hatte es die ganze Zeit akzeptiert – vermutlich auch, weil sie gespürt hat, was es für mich bedeutet. Doch ich hatte nie wirklich hinterfragt, wie sie sich dabei fühlt.
In der Erziehung versuchen wir, Kinder zu ermutigen, eigene Entscheidungen zu treffen. Wir wollen, dass sie selbstbewusst werden, ihre Meinung äußern und ihren eigenen Weg finden. Aber bei Bildern nehmen wir ihnen genau diese Entscheidung oft ab. Wir fragen vielleicht, ob ihnen ein Bild gefällt – aber welches Kind widerspricht schon offen seinen Eltern?
Also habe ich angefangen, etwas zu verändern. Ich habe die Kinder entscheiden lassen.
Und das Ergebnis hat mich überrascht.
Die Kinder wählen schnell. Sie wählen klar. Und vor allem: Sie wählen Bilder, in denen sie sich selbst erkennen. Es sind nicht die lustigen oder perfekten Aufnahmen. Es sind die Bilder, in denen sie sich wiederfinden.
Auch die Eltern waren häufig erstaunt, wie bewusst diese Entscheidungen getroffen werden. Wenn Kinder gut begleitet werden, wählen sie nicht einfach irgendein Bild. Sie wählen das Bild, das für sie stimmt.
Heute bin ich überzeugt: Kinder haben ein feines Gespür dafür, wer sie sind. Vielleicht geht es bei Kinderfotos deshalb nicht in erster Linie darum, wie schön ein Bild ist – sondern darum, wie wahr es sich anfühlt.
Wenn wir uns selbstbewusste Kinder wünschen, sollten wir ihnen genau an solchen Stellen vertrauen. Denn die Entscheidung für das eigene Bild ist mehr als nur eine Auswahl. Sie ist ein Schritt hin zu Selbstwahrnehmung, zu Akzeptanz und letztlich zu Selbstliebe.
Und genau dort beginnt etwas, das sie ein Leben lang begleiten kann.



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