Fotografie und ihre heilende Kraft: Wie Bilder von krebskranken Kindern Stärke und Hoffnung bewahren
- Sascha John
- 29. Okt. 2024
- 5 Min. Lesezeit

Ich schwimme durch das Wasser, mein Atem geht schnell, und meine Muskeln brennen bereits. Die Distanz scheint endlos, und doch zwinge ich mich weiter, Zug um Zug, obwohl mein Körper längst an seine Grenzen stößt. 3,8 Kilometer schwimmen – ich weiß, das ist nur der Anfang.
Als ich das Ufer erreiche und aufs Rad steige, spüre ich die Erschöpfung in jeder Faser meines Körpers, doch ich kämpfe mich vorwärts. Der Wind bläst mir ins Gesicht, die Hitze nimmt zu, und meine Beine werden mit jedem Tritt schwerer. 180 Kilometer auf dem Rad – und dann wartet noch der Marathonlauf auf mich.
Jetzt laufe ich. Meine Füße treffen hart auf dem Boden auf, und jeder Schritt kostet mehr Kraft, als ich gedacht hätte. Mein Kopf schreit, dass ich nicht mehr kann, dass es leichter wäre, aufzugeben. Doch ich setze einen Fuß vor den anderen, Schritt für Schritt. Ich spüre, wie mein Körper protestiert, aber ich höre nicht auf. Ich weiß, dass es hier nicht nur um körperliche Stärke geht – es ist die Willenskraft, die mich antreibt, mein Ziel zu erreichen, die mich weiterträgt. Irgendwann, nach unzähligen Kilometern, erreiche ich das Ziel. Ich habe es geschafft.

Die Erinnerungen an diesen Tag verblassen mit der Zeit, doch jedes Mal, wenn ich mir die Fotos von diesem Erlebnis anschaue, wird mir wieder bewusst, welche Stärke ich damals gezeigt habe. Diese Bilder helfen mir, mein Selbstbewusstsein zu stärken und mich daran zu erinnern, dass ich in der Lage bin, auch die schwierigsten Hindernisse zu überwinden. Sie sind eine Art visueller Beweis für die Kraft, die ich in mir trage. Besonders in den Momenten, in denen ich mich verloren oder herausgefordert fühle, zeigen mir diese Fotos, dass ich schon einmal über mich hinausgewachsen bin und es jederzeit wieder schaffen kann. Oft fehlt es vielen Menschen an Disziplin und Durchhaltevermögen. Ich habe mittlerweile neue Ziele und Visionen, und lange lagen diese Bilder versteckt auf meiner Festplatte. Heute helfen sie mir jeden Tag, Schritt für Schritt in Richtung meines Fixsterns weiterzugehen – meinem Ziel, das mir Orientierung und Motivation gibt, auch wenn der Weg herausfordernd ist.
Und was hat das nun mit den Kindern zu tun? Diese Erfahrung öffnet mir die Augen für die Bedeutung, die Fotos auch für andere haben können – besonders für Kinder, die mit der Diagnose Krebs konfrontiert sind. Genau wie meine Ironman-Bilder mir Kraft geben, kann Fotografie auch für diese Kinder eine Quelle des Selbstbewusstseins und der inneren Stärke sein. Die Bilder können sie später im Leben daran erinnern, dass sie schon einmal schwierige Zeiten gemeistert haben, und ihnen die Kraft geben, durchzuhalten und ihre Ziele zu erreichen. Was ist schon ein Ironman im Vergleich zu einer heimtückischen und gefährlichen Krankheit? Der Kampf ums Überleben ist eine der größten Herausforderungen, die ein Mensch bewältigen muss. Doch diese Kinder und Jugendlichen gehen diesen Kampf schon in sehr frühen Jahren an.

Die Inspiration hinter meiner Vision
Der Gedanke, die Stärke krebskranker Kinder durch Fotografie zu würdigen, kommt mir durch ein Bild, das ich in einem Buch einer bekannten amerikanischen Kinderfotografin sehe. Diese Fotografin ist bekannt für ihre authentische und ehrliche Darstellung von Kindern. In ihrem Buch entdecke ich das Bild eines Jungen in Boxerpose – er hat keine Haare und eine große Narbe auf dem Kopf. Doch in seiner Körperhaltung und seinem entschlossenen Blick liegt so viel Stärke, dass das Bild mich zutiefst berührt. Es zeigt den Mut und die Kraft eines Kindes, das trotz aller Herausforderungen nicht aufgibt. Dieses Bild inspiriert mich dazu, selbst eine Collage aus Bildern krebskranker Kinder zu erschaffen, die Stärke und Hoffnung ausstrahlt.
Natürlich existiert diese Collage bisher nur in meiner Vorstellung – ein Werk aus vielen Bildern von Kindern, die trotz Krankheit eine besondere Kraft ausstrahlen. Dieses Bild habe ich bereits klar vor Augen: eine Collage, die zeigt, dass Krebs nicht das Ende bedeutet und den Mut dieser Kinder ins Zentrum stellt. Ein solches Werk lässt sich nicht von heute auf morgen erstellen; es braucht Zeit und Feingefühl, um die Stärke dieser Kinder wirklich einzufangen. Doch das Ziel ist gesetzt, und ich bin gespannt, wie dieses Projekt weiter wachsen und Gestalt annehmen wird.
Der Wert eines Foto- und Videotagebuchs
Ein wertvoller Tipp für Kinder und ihre Familien ist es, ein Foto- und Videotagebuch zu führen. Natürlich macht es keinen Sinn, die dunkelsten Tage zu dokumentieren – das verlangt etwas Fingerspitzengefühl. Während der Behandlungszeit gibt es Höhen und Tiefen, und ich empfehle, die Höhen festzuhalten, auch wenn sie manchmal schwer zu erkennen sind. Das Unterbewusstsein ist mächtig und wird sich später an die Zeit der Krankheit als Ganzes erinnern – die schwierigen Phasen müssen nicht immer festgehalten werden. Die positiven Erinnerungen können das Selbstbewusstsein der Kinder besonders stärken. Diese Fotos und Videos werden zu einer Chronik der Hoffnung und zeigen, dass auch in den schwersten Zeiten besondere Momente existieren.
Die Kinder und Jugendlichen werden nicht alleine auf die Idee kommen, ein solches Tagebuch zu beginnen. Während ich das hier schreibe, befinden sich meine Töchter mit ihrer Mutter in Thailand. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis für sie, und schon vor der Reise habe ich sie animiert, für sich alleine ein Tagebuch in Form von Fotos und Videos zu führen. In unseren regelmäßigen Videocalls erinnere ich sie immer wieder daran – ich weiß um den Wert, den solche Erinnerungen für sie später haben können.
Auch im Krankenhaus ist dies eine wertvolle Idee, und die Eltern sollten ihre Kinder dazu motivieren. Ich empfehle auch, das Tagebuch wie ein persönliches Tagebuch zu betrachten. Natürlich können die Kinder ihre Beiträge mit anderen teilen, doch dann geht oft viel von der persönlichen Tiefe verloren, weil sie vielleicht nicht alles offen aussprechen möchten. Es ist eine wertvolle Erfahrung, die Erlebnisse nur für sich selbst festzuhalten – ohne Rücksicht darauf, wie sie dabei aussehen oder wie die Aufnahmen wirken. Das Tagebuch wird so zu einem sicheren Raum, in dem die Kinder ihre ganz eigenen Momente sammeln können. Es kann auch ein schöner Zeitvertreib sein, denn die Kinder und Jugendlichen sind oft sehr lange auf den Stationen. Indem sie ihre eigenen Erlebnisse festhalten, gewinnen sie nicht nur Erinnerungen, sondern auch ein Stück Eigenständigkeit und ein Gefühl der Kontrolle über ihre Situation.
Kreativität und Selbstbewusstsein als Schlüssel zur Freiheit
Mein tiefster Lebenssinn ist es, Menschen zu helfen, ihre Kreativität und ihr Selbstbewusstsein zu entfalten. Ich sehe dies als einen Schlüssel zur emotionalen Freiheit. Die Fähigkeit, an die eigene Stärke zu glauben und die innere Freiheit zu finden, ermöglicht uns, Hindernisse zu überwinden und ein erfülltes Leben zu führen.
In meiner Arbeit, besonders durch das Memotionsystem, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diesen Schlüssel weiterzugeben. Und ich habe mich entschlossen, damit bei Kindern anzufangen, die trotz ihrer Krankheit das Potenzial zur inneren Stärke und Selbstentfaltung in sich tragen.
Diese Kinder verdienen es, nicht nur als „Patienten“ gesehen zu werden, sondern als die kraftvollen und tapferen Menschen, die sie sind. Fotografie ist ein wertvolles Mittel, das sie genau in diesem Licht zeigt – als Kämpfer, als mutige Individuen, die weit mehr sind als ihre Krankheit. Durch die Kraft der Fotografie können wir ihnen zeigen, dass sie in der Lage sind, über sich hinauszuwachsen, und sie daran erinnern, wie viel Kraft und Mut in ihnen steckt.




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